4 Diskussion

4.1 Fütterungsprobleme

Spinne Die Futterbeschaffung hat sich vor allem in den ersten Monaten als das größte Problem erwiesen. Zu diesem Zeitpunkt bezog ich meine Futtertiere (meist Heimchen) aus einer Zoohandlung in der Nachbarstadt. Sie war die einzige Zoohandlung in der Nähe, die dieses Futter anbot. Doch bekam ich bei ihr nur die beiden Futtergrößen "Groß" und "Mittel". Das Erstere schied für die kleinen Babyspinnen von vornherein aus. In den Packungen "Mittel" waren aber einmal Tiere von 4 mm Größe und das andere mal von über 15 mm. Oft schwankte auch die Größe der einzelnen Tiere in einer Packung in diesem Bereich. Diese Umstände machten es mir sehr schwer, meine Tiere immer optimal zu füttern.

Dies hat zur Folge, daß man das Ergebnis nicht so sehr auf die durchschnittliche Gewichtszunahme beschränken, sondern vielmehr die Häutungsabstände und die Sterberate in den Vordergrund stellen sollte.

4.2 Diskussion der experimentellen Ergebnisse

4.2.1 Nächtliche Temperaturabsenkung

Die Ergebnisse dieser Tabelle(n) sind sehr erstaunlich, da in vielen Büchern über Vogelspinnenhaltung eine nächtliche Temperaturabsenkung empfohlen wird. Solchen Temperaturschwankungen sind Vogelspinnen schließlich auch in ihrem natürlichen Lebensraum in der freien Natur ausgesetzt. Doch hat sich bei meinem Langzeitversuch gezeigt, daß dies zu einem schlechteren Wachstum führt. Die durchschnittlichen Häutungsabstände bei Gruppe 2 sind um eine Woche länger als bei Gruppe 1, die durchschnittliche Gewichtszunahme ist etwas geringer als bei den anderen Gruppen und, sogar die Sterberate ist etwas höher, als bei Gruppe 1.

4.2.2 Vergleich zur Natur

Dies ist meiner Meinung nach sehr bemerkenswert, da man annehmen sollte, die jeweiligen natürlichen Gegebenheiten seien für die darin lebenden Tiere die optimalen Bedingungen. Doch hat sich im Hinblick auf das Wachstum und die Sterberate das Gegenteil gezeigt.

Man weiß heute, daß Spinnen zwar zu den wechselwarmen Tieren zählen, ihre Körpertemperatur jedoch nicht einfach der Umgebungstemperatur folgt, sondern von der Spinne durch entsprechende Verhaltensänderungen aktiv beeinflußt werden kann. Doch ist über dieses Thema noch sehr wenig bekannt, da erst in den letzten Jahre begonnen wurde, darüber zu forschen.

4.2.3 Erklärungsansatz

Vielleicht liegt eine mögliche Erklärung darin, daß die ständig schwankenden Temperaturen in dem stark von der Umgebungstemperatur abhängigen Organismus der Spinne ein ebenfalls ständiges Auf und Ab bewirken, was die Spinne ständig auszugleichen versucht und somit stark strapaziert. Man kann also an Hand dieser Vermutung versuchen, das Wachstum und die Überlebensrate in Gefangenschaft zu optimieren.

4.2.4 Temperatur und Gewichtszunahme

Auch die Ergebnisse bei Gruppe 3 sind von besonderen Interesse. Auffällig ist, daß die durchschnittliche Gewichtszunahme von Häutung zu Häutung höher als bei den beiden anderen Gruppen ist. Dies hängt damit zusammen, daß die Spinnen aus dieser Gruppe einen längeren Zeitraum von Häutung zu Häutung aufweisen, und somit mehr Zeit zum Fressen hatten. Außerdem schienen sie zeitweise "gieriger" nach Futter zu sein, als die wärmer stehenden Spinnen.

4.2.5 Temperatur und Sterberate

Des weiteren ist die geringe Sterberate bei Gruppe 3 ist hervorzuheben und nur schwer zu erklären. Ich versuche dies damit zu deuten, daß durch die geringen Temperaturen der ganze Stoffwechsel langsamer abläuft, was sich auch in den signifikant längeren Häutungsabständen ausdrückt. Dies versuchen die Spinnen ständig durch aktive Temperaturerhöhung auszugleichen, was sicher eine große Anstrengung darstellt. Vermutlich verringern sich andererseits bei geringeren Temperaturen die mit höheren Temperaturen verbundenen Risiken. Diese sind zum Beispiel ein hoher Flüssigkeitsverlust, vor allem bei der Häutung, oder eine Überhitzung des Spinnenkörpers. So wäre die geringe Sterberate zu erklären.

4.2.6 Temperatur und RGT-Regel

Das schnellere Wachstum der Vogelspinnen bei höheren Temperaturen läßt meines Erachtens einen Zusammenhang mit der sogenannten RGT-Regel (Reaktion-Geschwindigkeit-Temperatur-Regel, nach ihrem Entdecker auch Van-t-Hoff-Regel genannt) erkennen. Die RGT-Regel besagt als Faustregel, daß sich die Reaktionsgeschwindigkeit bei chemischen und biochemischen Abläufen bei einer Temperaturerhöhung um 10°C etwa verdoppelt, das heißt, daß zwischen Reaktionsgeschwindigkeit und Temperatur eine Abhängigkeit besteht. Ich schließe aus meinen Beobachtungen, daß diese Regel zumindest angenähert auch auf die Wachstumsgeschwindigkeit der jungen Vogelspinnen angewendet werden kann. Schließlich spielen bei allen Vorgängen in der Natur auch chemische Reaktionen eine entscheidende Rolle - so auch beim Wachstum der jungen Tiere: Bei niedrigen Temperaturen laufen alle Lebensvorgänge gleichsam auf Sparflamme ab. Aus meiner Langzeiterfahrung kann ich sagen: Die Spinnen altern langsamer und leben dafür länger.

4.3 Beantwortung der Fragestellung

Die Frage, welche Bedingungen nun die geeignetsten sind, kann als Ergebnis meiner Versuchsreihe eindeutig beantwortet werden:

Diese Erkenntnisse führen zu folgender Empfehlung:
Um ein optimales Ergebnis in der Aufzucht von Vogelspinnen zu erzielen, sollte man die Tiere je nach Art und Herkunft 2 bis 3°C kühler als bei Versuchsgruppe 1 aufwachsen lassen, also bei einer Temperatur um 27 bis 28°C.

So müßte es möglich sein, eine annähernd so geringe Sterberate wie bei Gruppe 3 bei annähernd optimalem Wachstum zu erreichen.

4.4 Erkenntnisse für die Zucht

Wenn man nun diese extremen Wachstumsdifferenzen zwischen den einzelnen Gruppen sieht, kann man sich gut vorstellen, daß es möglich ist, verschiedengeschlechtliche Tiere so aufzuziehen, daß sie zu einem annähernd gleichen Zeitpunkt geschlechtsreif werden. So wäre es möglich, auch seltene Vogelspinnenarten, bei denen oft nur sehr wenige Tiere für die Zucht zur Verfügung stehen, nachzuzüchten. Normalerweise ist dies nicht möglich, da weibliche Vogelspinnen zwischen 3 und 7 Jahre bis zur Geschlechtsreife benötigen, männliche Tiere dagegen nur 18 Monate bis 5 Jahre. Weibliche Vogelspinnen können im adulten Stadium noch 12 bis 25 Jahre leben, männliche Tiere dagegen nur etwa 9 Monate bis 3 Jahre. Aus diesem Grund sind die männlichen Tiere meist schon längst gestorben, wenn die weiblichen Tiere gerade einmal geschlechtsreif werden.

Man müßte hierzu die weiblichen Tiere von den männlichen separieren und diese dann unter optimalen Bedingungen großziehen, während man die Männchen auf "Sparflamme" langsamer geschlechtsreif werden zu lassen. Diese Tatsache wird nur kurz von KLAAS angesprochen, wurde meines Wissens aber nur für wenige Arten weiterverfolgt.


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